Eher kommt ein Reicher ins Himmelreich, als das eine Touristin Trockenshampoo in New York findet

Am Abend vorher hatte sich schon angedeutet, was am nächsten Morgen Gewissheit wurde: die blaue Sprühdose des Trockenshampoos hatte sich so schnell entleert als hätte sich das gesamte GrandHyatt an der 42ten Straße daraus bedient. Nach einer Schrecksekunde tröstete ich mich damit, daß ich nicht nur in Amerika war. (Hier gab es schließlich nichts, was es nicht gab.) Sondern auch noch in der Stadt, in der jeder alles zu jeder Tages- und Nachtzeit kaufen konnte. We’re talking 24/7, right? Das Trockenshampoo hätte auch nachts um halb vier seine kümmerlichen Nebelschwaden verpuffen können.
Irgendwo würde mein Assistent schon eine volle Dose aufspüren. Ich stellte mir vor, daß wer morgens um diese Uhrzeit nicht schlief und stattdessen Trockenshampoo benötigte oder sich zumindest darum sorgte, auch über einen Assistenten zum Herumscheuchen verfügte. Die Schnelligkeit mit der besagtes Shampoo das Kommando über mein Leben übernommen hatte, beunruhigte mich. Was hatte ich vorher getan? Wie hatte ich mit diesen Haaren gelebt? Ich erinnerte mich nicht mehr.

Seit Kathleen, eine Bekannte, mir im vergangenen November die fast leere Dose zum Ausprobieren in ihrem Badzimmer mit dem wandbreiten Spiegel in die Hand gedrückt hatte, war es aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Dabei schärfte sie mir ein, unbedingt das blaue zu kaufen. Die anderen taugten nichts. Es war genaugenommen also eigentlich ihre Schuld, daß ich jetzt in Verzweiflung badete. Gleich fühlte ich mich besser.



An jenem Morgen in NY war es also egal wie viele andere Marken ich finden würde, es musste das blaue sein. Nicht, daß ich über Erfahrung mit Trockenshampoos verfügte. In dieser Hinsicht war ich völlig unbefleckt und verließ mich auf ihr Urteil. Eine beklagenswerte Neigung von mir.
An diesem Morgen plagte mich nur die Suche um das Trockenshampoo -was sich schon fast wie wahre Freiheit anfühlte. Meine Haare hatte ich zu einem Irgendwas hochgebunden und die leicht fettigen Ansätze vergeblich zu verbergen versucht.
Auf dem Erkundungsplan standen der Garment District mit der Fashion Ave und ein Abstecher in einen Buchladen, der ausschließlich Werke zur Schauspielkunst führte und in der 40 St. lag. Auf dem Weg lag der Bryant Park- das weiße Zelt nahm beinahe die ganze Ebene des Geländes ein, ohne daß ich begriff wie nah ich der NY Fashion Week gekommen war. Auf der 40 St. tauchte schon bald ein Laden der Drogeriekette „Duane Reade“ auf. Meine unsichere Existenz würde hier ihr Ende finden, dachte ich. Doch in den Regalen war- nichts zu finden. Der leere Blick der Kassiererin ließ mich erahnen, dass sie nicht den geringsten Schimmer hatte, wonach ich suchte, denn sie musste den Filialleiter zur Hilfe rufen. Der dann zwischen den Haarfärbemittel herumfuchtelte und nebenbei am Handy mit dynamischer, amerikanischer Stimme versuchte, einem Bekannten einen Gefallen abzupressen. Einige Zeit stand ich dabei und überlegte, ob es ihm auffallen würde, wenn ich einfach verschwand. Suchte er? Falls er überhaupt suchte und nicht nur sortierte. Begrüßt hatte er mich nicht. Hatte ich etwas mißverstanden? Kannten die ihr Sortiment nicht blind? Ich stelle mir vor, daß ein Filialeiter doch nachts, wenn man ihn weckte, aufsagen könnte, wo was stünde.

Als die Tür der Drogerie hinter mir zufiel, ich wieder auf der 7th Ave. stand, stieg Panik in mir auf. Die Lust am Fashion District, von dem ich an diesem Vormittag auch nicht viel zu sehen bekam, war mir verhagelt. Ich konnte partout nicht glauben, dass NYer sich jeden Tag die Haare waschen wollten. Konnte es wirklich sein, daß diese bahnbrechende, zeitsparende Erfindung noch nicht in Amerika bekannt war? Dieses Land, das glaubte, alles zu haben und zu kennen? Einen Moment kroch das Mitleid mit den amerikanischen Frauen in mir hoch. Dann fiel mir in der Nähe der 39St und 6 Ave. ein Laden auf, dessen Schaufenster voller bunter Perücken war: blaue, grüne, gelbe Pagenköpfe. Drinnen, wenn man sich durch die sardinenbüchsenengen Gänge nach hinten durchgeschlängelt hatte, hingen die Perücken in dreier Reihen: Köpfe mit Langhaarfrisuren für Blonde, Schwarzhaarige, Afrolook und Pagenköpfe in allen Varianten. An den Säulen und auf Ständern baumelten die Haarteile.
Wer sein Leben mit seidenfeinen Haaren verlebt hat konnte hier wenigstens erleben was dicke Haare sind und sich welche überstülpen. Doch das Herumprobieren fand sein jähes, schockierendes Ende, nachdem mich der Spiegel wieder mit meinen eigenen nun auch noch plattgedrückten Haaren konfrontierte.

Das Sortiment in den Regalen entsprach dem einer Kleinstadtdrogerie. Einschließlich - Trockenshampoo in blauen Dosen! Die exklusive Fundstätte verlangte nach einem angemessenen Preis: Vier Dollar, etwa der doppelte Preis, den die Drogeriekette meines Vertrauens zuhause verlangte. Gleichgültig und glücklich schob ich das Geld über die Ladentheke, hinter der eine Asiatin ausdruckslos bediente. Die Reise war für die restlichen 14 Tage gerettet- dachte ich. Ich gebe zu, das Shampoo jeden zweiten Tag zu benutzen. Dazu ist es auch da, oder? Aber das sich eine niegelnage Dose innerhalb einer Woche entleert?
In San Francisco stellte sich heraus, daß das Dingsbumspulver ausgelaufen war.
Wie Pulver sich in einer Dose in Flüssigkeit verwandelt, um dann auszulaufen wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Wenn vier Dollar schon Wucher waren, dann war das nichts gegen die zehn Dollar und zwanzig Cent, die ich dennoch voller Dankbarkeit an einem Sonnentag im September in einer Seitenstraße zwischen Filbert und Union St. hinblätterte. Dabei fühlte ich mich wie die glückliche Besitzerin eines entlaufenden Hundes, die dem ehrlichen Finder auch ihr Vermögen überschrieben hätte. Das Geschäft war klein und spezialisiert auf Haarprodukte. Die Besitzerin bot mir sogar die Wahl zwischen Puder und irgendwas anderem an. Ich tippte auf Puder und hoffte, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Inzwischen war ich von der steil nach unten zeigenden Beziehungskurve zwischen mir und den Trockenshampoos so zermürbt, daß ich alles (!) genommen hätte. Doch dazu kam es nicht und ich konnte den Tag zufrieden im French Cafe in der Union St bei Latte und Apfel-Karamelkuchen beenden. Ich war auch ein bißchen stolz darauf, dass es etwas gab, worin mein San Francisco NY eindeutig überlegen war. Schließlich ist Trockenshampoo hier fiel schneller zu finden als dort.

Comments

  1. kicher!
    weisste was der vorteil weisser haare ist? man kann gewöhnliches babypuder benutzen.....
    :-)

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  2. Haha, trotzdem ist New York eine traumhafte Stadt.
    Ich lese deine Artikel sehr gerne, hoffentlich folgen noch viele weitere.
    Liebe Grüße

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  3. The post is so great! Thanks you for sharing:)

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  4. A great post! Thank you!
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  5. Great post, I love NY, it is just soooo big but you feel so alive
    alexie.co

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